Exkursion Holocaust-Gedenktag
Der Ort ist still, doch wir dürfen nicht schweigen
von Penelope Tzanakakis und Hanna Rudkoffsky (G7c)
Es ist ein grauer Wintertag in Hamburg. Wir sind auf dem Weg nach Rothenburgsort, um die Schule am Bullenhuser Damm zu besuchen. Wir sind auf dem Weg, um zu lernen, zu verstehen und um uns zu erinnern, was mit den Kindern vom Bullenhuser Damm vor 81 Jahren passiert ist. Wir wussten, dass etwas Schreckliches an diesem Ort geschehen war. Wir sind angespannt kurz bevor wir diesen Ort das erste Mal selbst betreten. Gleichzeitig spüren wir eine Verantwortung, die Vergangenheit nicht zu ignorieren.
Als wir vor diesem großen, erdrückenden Backsteinhaus stehen, können wir uns fast vorstellen, wie es damals gewesen sein könnte. In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945, als die Scheinwerfer eines LKWs die Schatten des zerstörten Stadtteils Rothenburgsort durchbrachen und wie 20 jüdische Kinder in das Außenlager des verlassenen Konzentrationslagers Neuengamme getrieben wurden.
Schließlich betreten auch wir das Schulgebäude. Im Haus erwartet uns Gunnar. Er hat sich bereits jahrelang mir der Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm während der NS-Zeit auseinandergesetzt. “Wo soll ich anfangen?”, fragt Gunnar. “Denn in dieser Geschichte gibt es keinen richtigen Anfang und es wird auch nie ein Ende geben.”
Nachdem Gunnar uns das Wichtigste über die Kinder erzählt hatte, war es still im Raum. Das Leiden, die medizinischen Experimente, Mama und Papa schon lange nicht mehr gesehen zu haben – und dann auch noch die Ermordung. Niemand von uns wusste, wie man reagieren könnte. Sollte man sich für diese Geschichte bei Gunnar bedanken? Fragen stellen, oder warten bis jemand anderes etwas sagt? Nach einigen Momenten war die Neugier größer als die Angst, etwas Falsches zu sagen. Fragen kamen auf und Gunnar beantwortete sie offen und mit allem, was er wusste.
Danach stiegen wir eine Treppe in den Keller hinab, dort befindet sich die dazugehörige Ausstellung, die aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet, was den Kindern geschehen ist. Dort, wo einst die Duschräume und Umkleidekabinen der Turnhalle waren, stehen heute 20 Koffer. Die Koffer beinhalten die Lebensgeschichten der Kinder, die in jener Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 ermordet wurden – drei Biografien bleiben bis heute unbekannt.
Die 20 Kinder sind viel zu früh gestorben. Diese Leidensgeschichte können wir nicht ändern. Aber wir können trotzdem etwas tun. Auch heute noch. 81 Jahre nach ihrem Tod. Wir können helfen, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird. Wir können an sie erinnern. An jedes einzelne Kind. Damit so etwas nie wieder passiert. Nie wieder ist eine Aufgabe – für uns alle!
Gemeinsam erinnern, gemeinsam lernen – unter diesem Gedanken stand der diesjährige Workshop-Tag anlässlich des Holocaust-Gedenktages.
Oben könnt ihr den persönlichen Text von Penelope und Hanna lesen, die ihre Eindrücke und Erfahrungen dieses Tages in eigenen Worten festgehalten haben.
Der Geschichtsexzellenzkurs mit Herrn Nemitz, die Vielfalt-AG mit Frau Pruss sowie die zwei Schülerinnen Emily und Lucy aus der S2 haben das Angebot zu einem Workshoptag in der Gedenkstätte „Kinder vom Bullenhuser Damm“ angenommen. Insgesamt 24 Schülerinnen und Schüler aus den Klassenstufen 7-11 nutzten diesen besonderen Tag, um sich intensiv mit Geschichte, Erinnerungskultur und ihrer eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen.
Der Workshop war als gemeinsamer Lern- und Erfahrungsraum gestaltet. Nach einer eindrucksvollen Einführung von unserem Referenten und Guide Gunnar Geerts spielten die Teilnehmenden mit einem so genannten Digital Rembrance Game, tauschten sich über ihre Eindrücke aus und vertieften diese beim Rundgang durch die Ausstellung. Besonders bewegend war der gemeinsame Abschluss im Rosengarten: Dort legten die Schülerinnen und Schüler Rosen und Steine nieder, ein Zeichen des Gedenkens und zugleich eine symbolische Verbindung zu dem Gegenstück des Mahnmals auf unserem Schulhof.
Was diesen Tag besonders machte, war die Atmosphäre: aufmerksam, offen und getragen von echtem Interesse. Schülerinnen und Schüler, die sich nicht alle kannten, verbrachten diesen Holocaust-Gedenktag gemeinsam, stellten Fragen, hörten zu und nahmen sich Zeit für Gedanken, die im Schulalltag oft zu kurz kommen.
Wir danken der „Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e.V.“ für diese das Angebot dieser Veranstaltung.
Falls ihr Interesse an so einem Workshoptag habt, meldet euch bei uns. Wir helfen gern bei der Organisation (vielfalt@brecht-schule.hamburg).
Das Spiel kann auch im Unterricht gespielt werden. Hier findet ihr die Infos und Handreichungen.
https://www.kinder-vom-bullenhuser-damm.de/die-vereinigung/fuer-schulen/digitales-game-erinnern-die-kinder-vom-bullenhuser-damm/
(Eva Pruss Romagosa, Vielfaltbeauftragte und Interkulturelle Referentin)

