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Peer Guides vermitteln Geschichte in der „Lernexpedition Demokratie“

31.03.2026 | Aktuelles, Vielfalt

Gegen das Vergessen

Schülerinnen organisierten im Rahmen der „Lernexpedition Demokratie“ eine Ausstellung zu den Kindern vom Bullenhuser Damm und führten als Peer Guides über 500 Mitschülerinnen und Mitschüler durch das Projekt. Die Erinnerungsarbeit wird am 20. April fortgesetzt. Erstmals moderiert eine Schülerin die zentrale Gedenkveranstaltung am Bullenhuser Damm.

Im Februar 2026 wurde an der Brecht Schule eine besondere Form des Lernens erlebbar. Im Rahmen der „Lernexpedition Demokratie“, die in der gesamten S2 durchgeführt wurde, entwickelten die Schülerinnen und Schüler eigene Projektvorhaben. Emily Rupnow aus der S2 entschied sich dabei für die Organisation einer Wanderausstellung zu den jüdischen Kindern vom Bullenhuser Damm in Zusammenarbeit mit der Vielfalt-AG.

Zentrales Anliegen dieses Projekts war die Weitergabe von Wissen. Ältere Schülerinnen aus der S2 bildeten jüngere Schülerinnen der siebten Klassen aus der Vielfalt-AG zu sogenannten Peer Guides aus. Diese übernahmen anschließend eigenständig Führungen durch die Ausstellung und vermittelten die Inhalte an andere Klassen. So entstand ein Lernen auf Augenhöhe, bei dem Wissen nicht nur aufgenommen, sondern aktiv weitergegeben wurde.

In ihren Führungen begleiteten die Peer Guides mehr als 500 Mitschülerinnen und Mitschüler ab Klasse 7 durch die Ausstellung. Dabei erzählten sie nicht nur die Geschichte der jüdischen Kinder, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, sondern stellten auch Bezüge zur Gegenwart her, etwa zu den Gefahren von Verschwörungstheorien und Fake News für unsere demokratische Gesellschaft. Die intensive Auseinandersetzung mit den Einzelschicksalen der Kinder sowie die Begegnung auf Augenhöhe machten das Projekt für die Schulgemeinschaft besonders eindrücklich.

Ein besonderer Anteil am Gelingen lag in der Organisation, allen voran bei Emily Rupnow sowie Lucie Brockmeyer und Pauline Hass aus der S2. Sie konnten dabei auf eigene Vorerfahrungen zurückgreifen. Bereits vor vier Jahren wurden sie zu Peer Guides im Rahmen einer ähnlichen Wanderausstellung ausgebildet und begleiteten zudem das Projekt rund um das Mahnmal für die jüdischen Kinder vom Bullenhuser Damm an der Schule. Diese Erfahrungen flossen maßgeblich in Planung und Durchführung ein und wurden an die jüngeren Schülerinnen weitergegeben.

Zur inhaltlichen Vorbereitung nahmen die Schülerinnen an einem Workshop der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm teil und besuchten die Gedenkstätte. Dadurch erhielten sie einen besonders intensiven Zugang zu den Lebensgeschichten der Kinder und konnten ihre Rolle als Peer Guides fundiert ausfüllen.

Auch die Beteiligung der Besucherinnen und Besucher wurde sichtbar festgehalten. An einer Reflexionswand konnten Schülerinnen und Schüler ihre Gedanken auf bunten Notizzetteln festhalten. Im Laufe der Ausstellung füllte sich diese Wand zunehmend und wurde immer bunter. So entstand ein wachsendes gemeinsames Bild der Auseinandersetzung, das zeigt, wie intensiv sich viele mit den Inhalten beschäftigt haben und das im Anschluss ebenfalls ausgewertet wird.

Eine der beteiligten Schülerinnen, Penelope aus der G7c, hat ihre persönlichen Eindrücke und Gedanken zur Ausstellung und ihrer Rolle als Guide aufgeschrieben. Ihr Bericht, der im Anschluss folgt, gibt einen besonders eindrücklichen Einblick in das Projekt.

Wie wir als Ausstellungsguides die Kinder vom Bullenhuser Damm besser kennengelernt haben – und was das mit mir gemacht hat

Was war das für eine Ausstellung?

Im Februar 2026 war im Erdgeschoss des Altbaus drei Wochen lang die Wanderausstellung zur Erinnerung an die Kinder vom Bullenhuser Damm zu sehen. Diese Kinder wurden in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 in einer Schule in Rothenburgsort ermordet. Ein Teil der Vielfalt-AG und Schülerinnen und Schüler des Geschichts-Exkus haben die Führungen für Klassen ab der 7. bis zur Höheren Handelsschule geleitet. Insgesamt haben über 500 Schülerinnen und Schüler die Ausstellung besucht.

Wie wir uns vorbereitet haben

Zur Vorbereitung haben wir einen eintägigen Workshop mit Nicole Mattern, von der„Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm” gehabt. Dort sind wir tief in die Einzelbiografien der Kinder eingestiegen. Dabei hat Nicole uns bestärkt, dass Erinnern eigentlich etwas sehr Positives sein kann: Wir Kinder helfen mit, das Schicksal anderer Kinder nicht zu vergessen.

Was passiert bei einer Führung?

Am Anfang jeder Führung haben wir die Biografie eines Kindes nacherzählt. Danach hatten die Besucherinnen und Besucher Zeit, sich die Ausstellung durchzulesen. An der Post-It Wand haben wir uns wieder getroffen und Reflexionsfragen beantwortet: Was kannst du tun? Was ist Dir im Kopf geblieben? Zum Abschluss haben wir Steine bemalt oder beschriftet und sie am Mahnmal vor der Brechtschule abgelegt. Über die Wochen konnten wir zusehen, wie das Mahnmal sich mit immer mehr Steinen füllte. Es fühlte sich so an, als würde die Erinnerung wortwörtlich bunter und lebendiger durch jeden einzelnen Stein.

Wenn wir die Kinder mit Details aus ihrem Alltagsleben kennenlernen, merken wir, dass die Kinder vor ihrer Verschleppung ein ähnliches Leben wie wir heute führten. Jaqueline Morgenstern war 12 Jahre alt – so alt wie ich, als sie von den Nazis festgenommen wurde. Sie hat gerade alleine zu Hause Hausaufgaben gemacht. So wie ich zu Hause Hausaufgaben mache. Mir vorzustellen, dass ich dabei festgenommen werden könnte, ist der absolute Horror.

Und jetzt?

Es ist wichtig, dass wir diese Ausstellung gemacht haben. Die Kinder vom Bullenhuser Damm wurden jahrzehntelang nach ihrer Ermordung nicht beachtet. Aktionen wie diese Wanderausstellung helfen gegen das Vergessen. Die Ausbildung als Guides gab uns Einblicke in die Nazizeit aus Sicht der Kinder. Gedenken wurde dadurch für mich zu etwas ganz Neuem und nicht nur Negativen, auch wenn man das bei dem Thema vielleicht denkt. Es fühlte sich gut an, unser Wissen auch an Ältere weiterzugegeben. Toll war, dass die älteren Schüler sich auf die Ausstellung eingelassen haben und sich von uns Jüngeren etwas Neues haben erklären lassen.

Vielen Dank an….

Nicole Mattern für das super Briefing, an Emily Rupnow für die Bestärkung und das Coaching, an Eva Pruss Romagosa für das Engagement in allen Belangen der Vielfalt-AG – und natürlich für die Süßigkeiten!

Penelope Tzanakakis, G7c, Vielfalt-AG

 

Ausblick

Zugleich zeigt das Projekt, wie kontinuierlich die Erinnerungsarbeit an der Brecht-Schule gewachsen ist. Über mehrere Jahre hinweg haben sich immer wieder neue Schülerinnen eingebracht, Verantwortung übernommen und das Wissen an die nächsten Jahrgänge weitergegeben. Diese Kontinuität und das gemeinsame Engagement vieler Beteiligter in Kooperation mit der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm machen die Arbeit gegen das Vergessen zu einem festen Bestandteil des Schullebens.

Ein weiteres Beispiel für diese gewachsene Beteiligung ist die Mitwirkung von fünf Schülerinnen der Vielfalt-AG an der Gestaltung des Plakats für die „Woche des Gedenkens Hamburg-Mitte“, die im April und Mai stattfinden. Die Schülerinnen sind auf dem Plakat und dem begleitenden Flyer zu sehen. Für die Aufnahmen waren sie in den Schulferien in der Israelitischen Töchterschule, wo die Fotos gemeinsam mit einem professionellen Fotografen entstanden. Auch dies zeigt, mit welchem Engagement bereits jüngere Schülerinnen solche Möglichkeiten wahrnehmen und die Erinnerungsarbeit aktiv mitgestalten.

Ein besonderer Ausdruck dieser fortlaufenden Erinnerungskultur wird der 20. April sein, der Gedenktag für die Kinder vom Bullenhuser Damm. An diesem Tag finden mehrere Veranstaltungen statt. In der Schule wird am Vormittag ein Dokumentarfilm von Matti Bliss aus der Vielfalt-AG über die Auschwitz Reise gezeigt, die mit den Schülerinnen und Schülern unternommen wurde, nachdem diese für ihr Engagement rund um das Mahnmal mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet wurden.

Zudem sind Schülerinnen der Vielfalt-AG zur Mittagsandacht im Michel eingeladen. Dort werden sie am Altar die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm für die Besucherinnen und Besucher der Andacht erzählen. Anschließend werden die Namen der Kinder verlesen und für jedes Kind eine Kerze entzündet. Auf diese Weise wird die Erinnerung an diesem Ort auch für die anwesenden Gäste erfahrbar gemacht.

Am Abend folgt die zentrale Gedenkveranstaltung an der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, an der unsere Schule seit mehreren Jahren aktiv beteiligt ist – mit vielfältigen Beiträgen, etwa in Form von Reden, Musik oder Tanz. In diesem Jahr übernimmt erstmals mit Lauryn Abubakari aus der S4 eine Schülerin die Moderation der gesamten Veranstaltung. Damit wird die Gedenkveranstaltung in besonderer Weise von einer jüngeren Generation mitgestaltet. Beiträge aus Politik, Religion und von Angehörigen der Kinder prägen das Programm. Es sprechen unter anderem Dr. Carsten Brosda, der Landesrabbiner sowie Angehörige von Ruchla Zylberberg. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr, wird live im Internet übertragen, und alle Interessierten sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

Mit den Aktivitäten unserer Schülerinnen und Schüler wird sichtbar: Erinnern ist nicht nur Aufgabe älterer Generationen. An der Brecht-Schule übernehmen zunehmend junge Menschen Verantwortung für die Weitergabe der Geschichte. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit endet nicht mit der Ausstellung, sondern setzt sich fort, getragen von immer neuen Generationen von Schülerinnen, die die Erinnerungsarbeit aktiv mitgestalten.

Eva Pruss Romagosa (Interkulturelle Referentin/Vielfaltbeauftragte)

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